Im Fernsehen wird nachgebohrt

Im Fernsehen wird nachgebohrt

Im Fernsehen wird nachgebohrt

OPPENHEIM – Wie viele verängstigte, schweißgebadete Menschen, den Mund weit aufgerissen und wehrlos, werden auf ihm gesessen haben? Es dürften so einige gewesen sein – die Zahnarztphobie ist und war weitverbreitet. Die Rede ist von einem Sitzmöbel der ganz besonderen Art: einem nahezu antiken Zahnarztstuhl.

Noch steht das gute Stück in der kieferorthopädischen Praxis Dr. Dilger und Zimmermann am Oppenheimer Postplatz, auf seinem Ehrenplatz in einem lichtdurchfluteten Erkerchen. Aber nicht mehr lange. Dr. Sarah Zimmermann, die vor ein paar Monaten in die Praxis eingestiegen ist und sie ab Mitte nächsten Jahres übernehmen wird, will ihn verkaufen – für einen guten Zweck. Den Erlös will die junge Kieferorthopädin, die sich „auf Anhieb in Oppenheim verliebt“ hat, dem hiesigen Jugendhaus spenden.

Dabei bekommt Sarah Zimmermann professionelle Unterstützung – und zwar von einem RTL-Expertenteam. Das kam so: „Herr Dr. Dilger hat mir den Stuhl überlassen und gesagt, ich darf ihn veräußern“, erzählt sie. Also bot sie ihn online über Ebay an. Doch statt eines potenziellen Käufers meldete sich unverhofft RTL bei ihr und lud sie in die Sendung „Die Superhändler“ ein.

Ihre erste Reaktion? Zurückhaltung. „Mein Plan war nie, ins Fernsehen zu kommen“, lacht die 31-Jährige. Doch dann ließ sie sich von den Fernsehleuten überreden, denn wer weiß – vielleicht lässt sich ja doch richtig Geld machen für die gute Sache. „Im Verhandeln bin ich eigentlich nicht besonders gut“, gesteht Sarah Zimmermann, aber sie will ihr Bestes geben. „Dabei hilft, dass ich das ja nicht für meinen eigenen Geldbeutel machen muss, sondern fürs Jugendhaus.“ Deshalb ist die Kieferorthopädin bereit, bei den Superhändlern kräftig nachzubohren – für den besten Preis.

Was auf Sarah Zimmermann und ihren Stuhl zukommen wird? So einiges. Zunächst muss das gute Stück nach Berlin, ins Studio, transportiert werden. Irgendwann reist sie ihm dann hinterher – um mit den „Superhändlern“ von RTL um den besten Preis zu feilschen.

Dabei kann die Kieferorthopädin durchaus selbstbewusst auftreten: Der Stuhl, der in den Fünfzigern hergestellt wurde, ist schließlich top in Schuss. „Er war damals ein echtes High-End-Produkt, mit allem technischen Schnickschnack, den es zu dieser Zeit so gab“, lächelt sie. Bis heute lässt er sich problemlos rauf und runter fahren, alle Lampen und Lämpchen blinken, das Spuckbecken aus Keramik ist blitzeblank, und der Bohrer steckt betriebsbereit in seiner Halterung.

Wobei er schon lange nicht mehr zum Einsatz kam. „Herr Dr. Dilger hat den Stuhl vor etwa 15 Jahren bekommen, von einem Kollegen aus Limburg, der damals seine Praxis geschlossen hat“, erzählt Sarah Zimmermann. Er wurde angeschlossen und war betriebsbereit, „doch dann haben die modernen Behandlungsstühle offenbar immer ausgereicht“, sagt sie. Also wurde er zum bloßen Deko-Stück.

Praxis soll eine „weibliche Note“ bekommen

Ab Mitte nächsten Jahres wird Dr. Zimmermann die Praxis am Postplatz, in der schon Generationen von Jugendlichen ihre Zahnspangen verpasst bekamen, alleine führen. „Eigentlich wollten wir länger zusammenarbeiten, doch Dr. Dilger zieht sich aus gesundheitlichen Gründen früher als geplant zurück“, bedauert die Mainzerin, die in Mainz studiert und ihre Facharztausbildung absolviert hat und zuletzt in einer Bad Kreuznacher Praxis als Angestellte beschäftigt war. Jetzt also der Sprung in die Selbständigkeit – eine Herausforderung, sagt die 31-Jährige. „Aber Herr Dr. Dilger hilft sehr im Hintergrund, und ich habe hier ein fantastisches Team.“ Das komplett übernommen wird. Sarah Zimmermann lacht: „Ich bin froh, wenn alle bleiben!“

Nach und nach will Zimmermann ihre Praxis etwas modernisieren, ihr eine „weibliche Note“ verpassen – davon zeugen schon jetzt die Väschen mit den bunten Blumen auf den Fensterbänken. In den Erker, in dem jetzt noch der alte Behandlungsstuhl steht, kommt eine gemütliche Sitzgelegenheit. Und auch den derzeit noch sehr jugendlichen Patientenstamm will die junge Fachärztin ausbauen. „Ich möchte verstärkt Erwachsene ansprechen, da haben sich die Möglichkeiten der Kieferorthopädie in den letzten Jahren sehr weiterentwickelt.“

Quelle: https://www.allgemeine-zeitung.de/lokales/oppenheim/oppenheim/im-fernsehen-wird-nachgebohrt_19239079

 

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